Mythos: Psychotherapie ist nur für Irre.
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Über eine Generation, die schweigen musste. Eine Gesellschaft, die Stärke mit Aushalten verwechselte. Und die Frage, warum es uns bis heute so schwerfällt, Hilfe anzunehmen.
„Ich bin doch nicht verrückt.“
„Früher hat auch niemand eine Therapie gebraucht.“
„Man muss doch nicht wegen allem gleich zum Psychologen rennen.“
Diese und ähnliche Sätze sind vermutlich vielen Menschen bekannt. Vielleicht wurden sie in der eigenen Familie gehört. Vielleicht wurden sie sogar selbst schon einmal ausgesprochen.
Aber woher kommt eigentlich diese Vorstellung, dass Psychotherapie nur etwas für Menschen ist, mit denen angeblich etwas nicht stimmt?
Und warum fällt es uns oft so schwer, Unterstützung anzunehmen, wenn es um unsere psychische Gesundheit geht?
Ich glaube, ein Teil der Antwort liegt in unserer Geschichte. Und in den Geschichten jener Menschen, die vor uns gelebt haben.
Männer mussten stark sein. Frauen mussten stark sein.
Ein Blick auf die Generationen vor uns zeigt, unter welchen gesellschaftlichen Erwartungen viele Menschen aufgewachsen sind.
Männer mussten stark sein. Die Familie versorgen. Funktionieren. Keine Schwäche zeigen. Gefühle, insbesondere Angst, Traurigkeit und Hilflosigkeit, hatten oftmals wenig Platz.
Frauen mussten ebenfalls stark sein. Kinder großziehen, den Haushalt führen, für andere sorgen, eigene Bedürfnisse zurückstellen und vieles aushalten.
Stärke hatte unterschiedliche Gesichter. Aber häufig dieselbe Botschaft:
Nicht jammern. Weitermachen. Zusammenreißen.
Dazu kamen Krieg, Vertreibung, Armut, Verluste, Gewalt, Missbrauch und Erfahrungen, für die es oftmals weder Worte noch einen geschützten Raum gab.
Vieles wurde nicht erzählt.
Vielleicht, weil es zu schmerzhaft war.
Vielleicht, weil niemand zuhören wollte.
Vielleicht, weil es gesellschaftlich nicht vorgesehen war, über bestimmte Erfahrungen zu sprechen.
Oder weil das Schweigen die einzige Möglichkeit schien, irgendwie weiterzuleben.
Und vielleicht war genau das für viele Menschen damals tatsächlich eine Form des Überlebens.
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Was passiert mit dem, worüber nie gesprochen wurde?
Nur weil über etwas nicht gesprochen wird, bedeutet das nicht, dass es keine Auswirkungen hat.
Erfahrungen können prägen, wie Menschen Beziehungen gestalten, mit Konflikten umgehen, Gefühle ausdrücken oder auf Belastungen reagieren.
Ein Kind, das mit einem emotional wenig zugänglichen Elternteil aufwächst, lernt möglicherweise früh, die eigenen Bedürfnisse zurückzustellen.
Ein Kind, das erlebt, dass Angst oder Traurigkeit keinen Platz haben, entwickelt vielleicht die Überzeugung, immer stark sein zu müssen.
Und aus Kindern werden irgendwann Erwachsene. Vielleicht auch Eltern.
So können sich Haltungen, Ängste, Beziehungsmuster und Überlebensstrategien über Generationen hinweg fortsetzen.
Nicht unbedingt, weil jemand das bewusst möchte.
Sondern weil Menschen häufig mit dem weiterleben und weitergeben, was sie selbst erfahren und gelernt haben.
Und dann gibt es noch die Epigenetik.
Epigenetik ist weder Hexerei noch Humbug. Sie ist ein wissenschaftlich erforschtes Gebiet der Biologie.
Vereinfacht gesagt beschäftigt sie sich damit, wie die Aktivität unserer Gene reguliert wird, ohne dass sich die eigentliche DNA-Sequenz verändert.
Dabei können auch Umwelteinflüsse und Belastungen eine Rolle spielen.
Die Forschung untersucht unter anderem, wie sich schwere Stress- und Traumaerfahrungen auf biologische Regulationsprozesse auswirken und inwiefern solche Veränderungen auch bei nachfolgenden Generationen nachweisbar sind.
Es gibt interessante wissenschaftliche Hinweise darauf, dass traumatische Erfahrungen mit epigenetischen Veränderungen bei Betroffenen und ihren Nachkommen zusammenhängen können.
Gleichzeitig ist wichtig, hier genau zu unterscheiden: Dass Stress und Erfahrungen epigenetische Prozesse beeinflussen können, ist gut belegt. Ob traumabedingte Veränderungen beim Menschen tatsächlich über mehrere Generationen biologisch vererbt werden, ist noch Gegenstand der Forschung.
Was wir aber wissen: Menschen werden nicht unabhängig von ihrer Geschichte und ihrem Umfeld groß.
Familiengeschichten, Beziehungen, gesellschaftliche Bedingungen und Erfahrungen können über Generationen hinweg Einfluss nehmen.
Nicht alles, was prägt, wurde selbst erlebt. Und nicht alles, was weitergegeben wurde, muss weitergetragen werden.
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Ein Blick zurück: Als Frauen als „hysterisch“ galten
Auch die Geschichte der Psychotherapie selbst ist nicht frei von Vorurteilen.
Im 19. Jahrhundert wurde die sogenannte „Hysterie“ zu einer bekannten medizinischen Diagnose. Besonders Frauen, deren körperliche oder psychische Beschwerden nicht in die damaligen Erklärungsmodelle passten, erhielten diese Zuschreibung.
Frauen wurden untersucht, vorgeführt, mit teilweise fragwürdigen Methoden behandelt oder in psychiatrischen Einrichtungen untergebracht.
Hinter solchen Diagnosen standen mitunter Menschen mit traumatischen Erfahrungen, großen Belastungen oder Beschwerden, die damals noch nicht ausreichend verstanden wurden.
Heute wissen wir, wie stark diese Vorstellungen auch von den gesellschaftlichen Rollenbildern und Machtverhältnissen ihrer Zeit geprägt waren.
Und trotzdem möchte ich an dieser Stelle auch etwas anderes sagen.
Ich bin dankbar, dass Menschen begonnen haben, Fragen zu stellen.
Sigmund Freud, Eric Berne, Fanita English und viele andere beschäftigten sich mit psychischen Beschwerden, inneren Konflikten und der Bedeutung von Erfahrungen.
Nicht alle ihre Annahmen waren richtig. Manche Methoden und Vorstellungen müssen aus heutiger Sicht deutlich kritisiert werden.
Und dennoch haben sie dazu beigetragen, dass sich die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der menschlichen Psyche weiterentwickeln konnte.
Ich möchte mir vorstellen, dass hinter einem Teil dieser Suche auch ein zutiefst menschlicher Wunsch stand:
Sich selbst und andere besser zu verstehen. Leid zu lindern. Und vielleicht ein freieres, erfüllteres Leben zu ermöglichen.
Die Psychotherapie hat sich seither weiterentwickelt. Und sie entwickelt sich hoffentlich auch in Zukunft weiter.
Unsere Eltern haben uns geprägt. Aber sie sind nicht an allem schuld.
Ein Gedanke ist mir in meiner therapeutischen Arbeit besonders wichtig.
Unsere Eltern, Großeltern und andere wichtige Bezugspersonen haben selbst eine Geschichte.
Sie wurden geprägt von ihrer Kindheit, ihren Erfahrungen, den gesellschaftlichen Erwartungen und ihren eigenen Möglichkeiten.
Ich gehe grundsätzlich davon aus, dass viele Eltern im Rahmen ihres damaligen Wissens und Könnens versucht haben, das Richtige zu tun.
Das bedeutet nicht, dass alles, was sie getan haben, auch gut oder hilfreich war.
Und es bedeutet schon gar nicht, dass Verletzungen, Vernachlässigung oder Gewalt dadurch gerechtfertigt werden.
Manchmal haben Eltern das gegeben, was ihnen selbst zur Verfügung stand.
Und manchmal war genau das nicht das, was ein Kind gebraucht hätte.
Beides darf gleichzeitig wahr sein.
Es kann Verständnis für die Geschichte der Eltern geben und gleichzeitig Traurigkeit, Wut oder Enttäuschung darüber, was in der eigenen Kindheit gefehlt hat.
Es kann Liebe geben und gleichzeitig den Wunsch nach Abgrenzung.
Es kann Dankbarkeit geben und gleichzeitig Verletzungen, die bis heute spürbar sind.
Psychotherapie muss dabei nicht bedeuten, Schuldige zu suchen.
Sie kann helfen, Zusammenhänge zu verstehen, die eigene Geschichte einzuordnen und neue Entscheidungen für das heutige Leben zu ermöglichen.
Denn Verständnis für die Vergangenheit bedeutet nicht, dass alles so bleiben muss.
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Vielleicht dürfen wir heute etwas anders machen.
Vielleicht haben frühere Generationen vieles ausgehalten, weil ihnen kaum andere Möglichkeiten zur Verfügung standen.
Vielleicht war Schweigen notwendig, um den Alltag zu bewältigen.
Vielleicht war Funktionieren wichtiger als Fühlen.
Aber heute gibt es mehr Wissen über psychische Gesundheit, mehr Behandlungsmöglichkeiten und zunehmend auch mehr Raum, über innere Belastungen zu sprechen.
Das bedeutet nicht, dass jede schwierige Erfahrung eine Therapie braucht.
Nicht jede Traurigkeit ist eine Depression.
Nicht jeder Konflikt ist eine psychische Erkrankung.
Und nicht jede unangenehme Erinnerung muss therapeutisch bearbeitet werden.
Aber es bedeutet, dass Unterstützung eine Möglichkeit sein darf.
Ohne Scham. Ohne Rechtfertigung. Ohne erst beweisen zu müssen, dass das eigene Leiden schwer genug ist.
Psychotherapie ist nicht nur für „Irre“.
Vielleicht ist es an der Zeit, diesen Satz endgültig zu hinterfragen.
Denn hinter dem Wort „irre“ steckt häufig nicht nur Unwissen über Psychotherapie, sondern auch eine jahrzehntelang weitergegebene Angst davor, als schwach, anders oder nicht normal angesehen zu werden.
Dabei sind psychische Erkrankungen und seelische Belastungen Teil menschlicher Lebensrealitäten.
Und Menschen sind immer mehr als ihre Diagnosen, ihre Erfahrungen und ihre Schwierigkeiten.
Psychotherapie ist ein professioneller Raum, in dem psychische Erkrankungen behandelt, belastende Erfahrungen verstanden und neue Perspektiven entwickelt werden können.
Manchmal beginnt dieser Weg mit einer konkreten Diagnose.
Manchmal mit einer Krise.
Und manchmal einfach mit der Frage, warum sich bestimmte Dinge im Leben immer wiederholen.
Vielleicht besteht die Stärke unserer Generation nicht darin, noch mehr auszuhalten. Sondern darin, manches nicht länger allein tragen zu müssen.
Und vielleicht ist genau das eine Möglichkeit, nicht nur die eigene Geschichte besser zu verstehen, sondern auch etwas für die Generationen zu verändern, die nach uns kommen.
Ein Gedanke zum Schluss …
Mit meinen Beiträgen möchte ich zum Nachdenken anregen, neue Perspektiven eröffnen und psychische Gesundheit ein Stück verständlicher machen.
Denn nicht immer braucht es sofort eine Antwort. Manchmal beginnt Veränderung bereits damit, Dinge aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten.
Jacqueline Größbauer
Psychotherapeutin
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